Die wunderbare Welt der Recycling-Taschen

Sie heißen Lumabag, Tetra-Bag oder Kultbag. Das Vorleben als Luftmatratze oder Tetra-Pack sieht man ihnen nicht immer auf den ersten Blick an, doch in der Mehrzahl der Fälle sind Ähnlichkeiten mit dem ursprünglichen Produkt durchaus gewollt. Recycling-Taschen sind heute in der Modewelt eine fixe Größe. Einige Modelle haben es sogar zum Kult-Accessoire gebracht und erzielen in den diversen Shops durchaus Preise von 200 Euro und mehr. Kommt natürlich immer darauf an, ob die Idee für Accessoire-Freaks verrückt genug ist oder ein namhafter Designer hinter dem trendigen Täschchen steht.
Ein Pionier seiner Zunft ist Bernd Dörr. Der Duisburger verkauft schon seit 1996 Taschen aus Recycling-Material, wobei alles mit Bags aus alten LKW-Planen angefangen hat. Heute verwendet Dörr für seine Marke "Kultbag - Schön gebraucht“ die unterschiedlichsten Ausgangsmaterialien und setzt jährlich weltweit bis zu 40.000 Unikate ab, von Damenhandtaschen über Geldbörsen und iPod-Schutzhüllen bis hin zu Laptop-Taschen, Kuriertaschen und Rucksäcken. Woraus die kultigen Utensilien gemacht sind, steht auf der Website Kultbag.de fein säuberlich aufgelistet. Alte Postsäcke, Schlauchboote, Taucheranzüge und Armee-Decken werden genauso zu Taschen verarbeitet wie Surfsegel, Cabrio-Verdecke und Feuerwehrschläuche. Dörr weiß inzwischen sogar, welche Materialien und Stilrichtungen bei Kunden unterschiedlicher Nationalität besonders begehrt sind. So genießen seine Taschen mit aufgenieteten amerikanischen Autokennzeichen in Japan Kultstatus, während Luftmatratzen-Modelle vor allem von Schweizern gern gekauft werden.
Millionenschwere Recycling-Ideen

Mit dem Siegeszug der Recycling-Taschen verschärfte sich auch der Wettbewerb unter den Anbietern. Schon allein die Idee, aus alten LKW-Planen trendige Bags zu schneidern, ist so einzigartig wieder nicht. Als Erfinder dieser Taschengattung gilt nämlich der Nürnberger Hartmut Ortlieb, der seine Firma 1982 gründete und als erster Hersteller mit Taschen aus Abdeckplanen auf den Markt kam.
Mehr Geschäftssinn bewies auf diesem Gebiet das Brüderpaar Markus und Daniel Freitag aus Davos - zwei passionierte Biker, deren Recycling-Idee unter anderem von den Kuriertaschen der New Yorker Fahrradboten inspiriert wurde. Nach den Anfängen im Jahr 1993 etablierten sich die Freewaybags der Marke "FREITAG“ (www.freitag.ch) bald als weltweit begehrteste Planentaschen und wurden für ihre Gründer zur Goldgrube.
Das Unternehmen mit Sitz und Flagship-Store in Zürich notiert mittlerweile als Freitag lab. AG an der Börse und stellt auch Taschen aus Sicherheitsgurten, Fahrradschläuchen und Airbags her. FREITAG hat heute 50 Mitarbeiter und verarbeitet jährlich 200 Tonnen LKW-Planen, 75.000 Fahrradschläuche und 25.000 Autogurte.
Luftmatratzen als Taschen wiedergeboren…
Lumabag ("Die individuelle Umhängetasche“), eine Kreation des deutschen Designers Uwe Malte Arndt, ist dagegen fast schon ein Newcomer-Produkt. Der gelernte Wergzeugmacher Arndt stellt seine verspielten Taschen in Handarbeit und vorwiegend aus Luftmatratzen der siebziger Jahre, aber auch aus Surfsegeln, Armee-Wolldecken und - richtig - LKW-Planen her (www.lumabag.de, www.transporter-bag.de). In den Handel kommen die Bags je nach Größe und Beschaffenheit zu Preisen zwischen 55 und 114 Euro. Als einziger österreichischer Shop bietet GEA (www.gea.at) in der Wiener Langegasse (8. Bezirk) Lumabags an. Vom Reifenplatzer zur Kult-Tasche

Ganz auf Gummi hat sich Hersteller Tubeline (www.tubeline.de) spezialisiert. Der Chef der Firma, Michael Schüßler, ist ehemaliger Mountainbike-Extremsportler und fertigt seine fantasievollen Taschen vorwiegend aus alten Bällen, Reifen und LKW-Schläuchen. Seine Tubeline-Bags wurden im Vorjahr von Sportexperten aus der ganzen Welt mit dem "ispo Brandnew-Award" in der Kategorie Accessoires ausgezeichnet und sind ebenfalls rund um den Globus in ausgewählten Boutiquen zu erwerben. Bislang letzter Streich des ehemaligen Schneiders aus dem bayerischen Leidersbach: Brauttaschen aus Fahrradzubehör. Echt abgefahren…
Dagegen wirkt die Recycling-Idee von Maren Kramer eigentlich recht nahe liegend. Die ausgebildete Goldschmiedin und Diplom-Designerin stellt ihre "Tütas" (www.tueta.com) aus alten Plastiksackerln der diversen Supermarkt- und Kaufhausketten (Aldi, Spar, etc.) her und feiert damit seit 2003 beachtliche Erfolge. Vor allem in der Berliner Szene sind die flippigen Hand- und Kosmetiktaschen heute fast schon ein "Must-have". Kostenpunkt: Zwischen 16,90 (Beauty-Täschchen) und 130 Euro (individuelle Anfertigungen).
Die Jagd nach den besten "Rohstoffen"
Kurios sind die jüngsten Entwicklungen in der Recycling-Taschen-Branche. Weil etwa Reifenhersteller zunehmend auf schlauchlose LKW-Reifen umsteigen, kommt es bei der Beschaffung alter Autoschläuche bereits hin und wieder zu Engpässen. Auch ausgediente LKW-Planen werden den Designern längst nicht mehr nachgeschmissen. "Heute zahle ich für die begehrten roten und schwarzen Planen schon 180 bis 200 Euro ", rechnet Kultbag-Chef Bernd Dörr vor. 
Recycling-Kunst ist eben auch Recycling-Geschäft. Neue Trends lassen sogar dort die Preise klettern, wo es bis vor wenigen Jahren lediglich ein "Entsorgungsproblem" gab…
