Quotendruck für die Autoindustrie

Von einigen wenigen Oldtimern einmal abgesehen, landet jedes Auto irgendwann als Rostlaube oder Totalschaden auf dem Autofriedhof. Die ewige Ruhe finden ausrangierte Straßenkreuzer dort aber nicht. Schon heute lassen sich bis zu 80 Prozent eines Altautos verwerten.
Manche Teile finden über den Altwarenhandel in anderen Fahrzeugen wieder Verwendung. Andere werden demontiert und gesondert verwertet. Metallische Bestandteile lassen sich über Shredder-Verfahren als Sekundärrohstoff zurückgewinnen. Nicht verwertbare Reststoffe werden entsorgt.
Die Recyclingquote von 80 Prozent wurde bereits in die Altfahrzeug-Richtlinie aufgenommen, die seit heuer in Kraft ist. Schon bald wird die entsprechende EU-Richtlinie auch für die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen verpflichtend: Ab dem 15. Dezember 2008 müssen die Autohersteller für die Erteilung einer EU-Fahrzeugzulassung eine Recyclingquote von 80 Prozent und eine Verwertungsquote von 85 Prozent des Fahrzeuggewichts nachweisen. Ab dem Jahr 2015 werden die Quotenvorgaben auf 85 bzw. 95 Prozent erhöht.* Zudem wird generell ein Nachweis für die Verwertung oder Entsorgung aller im Fahrzeug befindlichen Materialien gefordert.
Neue Herausforderungen für die Autoindustrie

Klar, dass angesichts dieser Vorgaben innovative Recycling- Technologien und neue Konzepte für die umweltgerechte Fahrzeugentwicklung an Bedeutung gewinnen. Ein gemeinsames Projekt stellten kürzlich das Kompetenzzentrum KERP (Wiener Kompetenzzentrum Elektronik & Umwelt) und Österreichs größter Autozulieferer Magna Steyr vor. Es handelt sich dabei um die Softwarelösung "ProdTect", die Fahrzeughersteller dabei unterstützen soll, die Recyclingquoten bei Autos zu optimieren und die Umweltverträglichkeit ihrer Modelle zu steigern.
Mit Hilfe dieses Softwaretools, das ursprünglich vom KERP und der TU Braunschweig für die Elektronikbranche entwickelt wurde, wird die umweltgerechte Produktgestaltung im Fahrzeugbau zu einem ganzheitlichen "Design for Environment"-Werkzeug weiterentwickelt.
ProdTect simuliert die Auswirkungen eines Autos auf die Umwelt, wobei die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs betrachtet wird. Das Ziel lautet, ausgehend von der Produktentwicklung negative Umwelteinflüsse weitestgehend zu reduzieren. Das gilt für jede Phase im Lebenszyklus eines Autos - von der Materialauswahl (Rohstoffe) über Aufbereitung, Verarbeitung und Transport bis hin zur eigentlichen Verwendung und Entsorgung.
Auf dieser Grundlage errechnet ProdTect, welche Recyclingprozesse ein Produkt durchlaufen kann und welche Recyclingquoten erzielt werden können. Die "virtuelle Produktentwicklung" in der Autoindustrie schließt damit Verwertungskonzepte bereits mit ein. Und die Simulationen dienen nicht nur den Autoherstellern, sondern auch den Zulieferern als Entscheidungshilfe. Sie können die Recyclingchancen von Bauteilen schon in der Entwicklungsphase besser abschätzen und ihr Angebot auf die Umweltverträglichkeit ausrichten.
Shredder-Verfahren werden ausgereizt

Der größte Teil eines Altautos landet im Shredder. Nur wenige Bauteile - etwa Lackreste, Textilien, Gummi und diverse Kunststoffteile - können derzeit nicht verwertet werden. Die Qualität der heute gebräuchlichen Recycling-Verfahren lässt sich allerdings noch erhöhen. Und sie muss auch verbessert werden, will man den gesetzlichen Quoten-Vorgaben gerecht werden.
So hat die holländische Stiftung Auto Recycling Nederland (ARN) kürzlich erklärt, man werde die Post-Shreddertechnologie von Volkswagen und SiCon (VW-SiCon-Verfahren) nutzen, um ab 2008 die EU-Richtlinien zu erfüllen. ARN will mit diesem Verfahren nicht nur das Recycling-Ziel erreichen, sondern auch die Kosten für die Verwertung senken.
Mit Hilfe hochwertiger Post-Shreddertechnologie kann man Shredderrückstände, die vielfach noch wertvolle Sekundärrohstoffe für den Materialkreislauf enthalten, weiter zerkleinern, in unterschiedliche Fraktionen (Fe- und Ne-Fraktionen, Roh-Granulat, Roh-Flusen mit Textilanteilen etc.) trennen und auf die Bedürfnisse des jeweiligen Abnehmers abstimmen.
Schon im Sommer 2007 will ARN nahe der Stadt Tiel eine neue Anlage eröffnen, die Shredderabfälle aus Altfahrzeugen nach dem VW-SiCon-Verfahren aufbereitet. Zunächst sollen jährlich 50.000 bis 60.000 Tonnen recycelt werden, die maximale Kapazität wird bei 100.000 Tonnen liegen.
Hintergrund der Maßnahme: Die niederländische Regierung wird ab 2008 für Shredderrückstände eine höhere Deponiesteuer erheben und ab 2009 die Ablagerung dieser Abfälle ganz verbieten.
Hoffnungsträger Biokunststoff
Ein Umdenken beim Auto-Recycling ist auch deshalb gefragt, weil sich die Anteile der verwendeten Materialien in den letzten Jahren von Eisen und Stahl deutlich in Richtung Kunststoffe und Elektronikbauteile verschoben haben. Die heute vorherrschende Leichtbauweise und der vermehrte Einsatz von Computertechnik machen auch eine Anpassung bei den Recycling-Verfahren notwendig.
Kompostierbare Biokunststoffe, die aus Biomasse erzeugt werden, könnten im Auto der Zukunft ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Einsatzmöglichkeiten sehen Experten vor allem bei der Innenausstattung der Fahrzeuge (Türverkleidungen, Hutablagen, etc.). Die neuen Richtlinien zwingen die Autoindustrie jedenfalls dazu, sogar das "biologisch abbaubare Auto" ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
* Zum Unterschied zwischen Recyclingquote und Verwertungsquote: Fünf bzw. zehn Prozent (ab 2015) eines Altfahrzeuges können der energetischen Nutzung zugeführt bzw. verbrannt werden.
